Pro Bundesjugendspiele! Oder: Ein Plädoyer aus Sicht eines Kindes.

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Ich freue mich das ganze Jahr darauf und kann sie kaum erwarten: Die Bundesjugendspiele. Eine aktuelle Petition soll dafür sorgen, dass sie abgeschafft werden sollen. Das will ich nicht!

Nein, ich bin nicht eines der Kinder, welches jedes Jahr eine Ehrenurkunde mit nach Hause bringt. Es reichte bisher auch nicht zu einer Siegerurkunde. Aber ich nehme gerne teil und genau das steht auf meiner Urkunde: Teilnahmeurkunde (von meiner Lehrerin selbst entworfen, nicht an vielen Schulen gibt es das so, leider).

Ich bin keine Sportskanone, das ist mir bewusst. Aber darunter leide ich nicht. Ich freue mich mit meiner Freundin, die einfach eine brillante Sportlerin ist. Das ist ihr Tag, einer der wenigen, an denen sie zeigen kann, was sie drauf hat. Ich sehe sie strahlen und klopfe ihr stolz und auch bewundernd auf die Schulter.

Ich habe nur wenige Punkte erzielt, denn gut bin ich nur im Kurzstreckenlauf. Beim Weitwurf habe ich beim ersten Versuch den Ball beim Ausholen des Armes verloren und rückwärts geworfen. Den zweiten Versuch habe ich buchstäblich in den Sand gesetzt und direkt vor mir voller Kraft in die Erde gedonnert. Natürlich war das ein Anlass, zu lachen. Aber nicht nur für die andern: Auch für mich. Denn ich weiß, dass ich andere Dinge einfach besser kann. Mathe z.B., , Aufsätze schreiben oder ungeübte Diktate, mit welchen meine Freundin immer zu kämpfen hat.

Meine Eltern haben mich gelehrt, mit Niederlagen umgehen zu können und auch meine Stärken als solche wahrzunehmen. Und deswegen kann ich mich auf den Wettkampf der Bundesjugendspiele jedes Jahr freuen. Denn die Spiele machen mir Freude. Weil ich mich gerne draußen mit meinen Freunden bewege und weil ich so tolle Freunde habe, die mich noch anfeuern auch wenn schon abzusehen ist, dass mein Wurf keine große Weite erreichen wird. Weil ich so akzeptiert werde, wie ich bin. Weil ich stolz bin, meine Freundin über sich hinauswachsen zu sehen. Weil ich für meine ganz persönliche Leistung von meiner Lehrerin gelobt werde, weil ich dieses Mal doch einen minimalen Hauch besser war, als beim Üben, obwohl meine Ergebnisse in der Messtabelle gar nicht erst auftauchen.

Bei der Urkundenübergabe wird kein Unterschied gemacht. Meine Lehrerin überreicht jedem seine Urkunde und gibt dabei jedem Kind die Hand. Sie hat die Urkunde in ihrer schönsten Schrift gemalt und ausgefüllt und ich werde sie neben die anderen Teilnahmeurkunden in meinem Zimmer hängen. Und jedes Kind, das zu mir zum Spielen kommt, kann sie sehen. Noch nie würde ich dafür ausgelacht. Warum auch? Ich war dabei und kann damit leben, hier nicht mit den Guten oder gar Besten mithalten zu können.

Wenn man die Bundesjugendspiele abschaffen würde, dann müsste man die anderen Dinge auch abschaffen. Auch wenn unsere Lehrerin niemals die Noten der anderen Kinder in der Klasse vorliest, so wissen wir alle ziemlich genau, wer in welchem Fach richtig gut ist und wer noch etwas Schwierigkeiten hat. 

Das war mein ganz persönlicher (Rück-) Blick auf die Bundesjugendspiele. Genauso empfand ich es damals, vor ca. 30 Jahren. Heute erlebe ich die Bundesjugendspiele als Lehrerin und Schulleiterin. Es ist wichtig und unerlässlich, eine Atmosphäre zu schaffen, in welcher Toleranz und Empathiefähigkeit eine feste Basis sind. Das gilt nicht nur für die Bundesjugendspiele, das gilt für alle Bereiche der schulischen Arbeit. Das soziale Netz einer Klasse, ja einer Schule, muss so stark sein, dass es auffangen kann. Das ist nicht einfach, im Gegenteil, es ist eine der vielen (spannenden!) Herausforderungen von Schule und Pädagogik. Aber es ist eindeutig machbar, wenngleich es vielfältiger Übungen und sorgfältiger Beobachtung durch die Lehrkräfte bedarf.

Weiter ist es notwendig, mit Niederlagen und Schwächen umgehen zu können. Von Grund auf. Konstruktiv. Nicht destruktiv. Nicht alleine, sondern mit Beistand durch Eltern, Lehrer und Freunde. Ab und an gerne mit einer angemessenen Dosis Humor an der einen oder anderen Stelle. Wird diese Fähigkeit schon im Kindesalter angebahnt bzw. gefördert, ist dies in der weiteren Biografie eine große Erleichterung. Denn die Niederlagen werden im Leben nicht ausbleiben.

In diesem Sinne wünsche ich allen Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern schöne Bundesjugendspiele!

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7 Gedanken zu “Pro Bundesjugendspiele! Oder: Ein Plädoyer aus Sicht eines Kindes.

  1. Ich finde es sehr schade, dass alle Befürworter offensichtlich von ihren eigenen positiven Erfahrungen aus darauf schließen, dass es für alle gut sei, einen Wettbewerb verpflichtend zu machen. Und auch das Argument „dann muss man ja alles mögliche abschaffen“ finde ich nicht passend. Es geht nicht darum Sport oder Wettbewerbe generell abzuschaffen. Es geht darum, dass es offensichtlich SEHR VIELE gibt, die genau diese Veranstaltung als traumatisch erlebt haben und noch erleben. Diese Kinder (oder ehemaligen Kinder) fühlen sich gedemütigt und bloßgestellt. Die lügen ja nicht alle. Und dann lapidar zu sagen, man muss lernen mit Niederlagen umzugehen, finde ich schlicht gemein. Ich freue mich über alle, die die BJS in einer so tollen Atmosphäre erleben dürfen. Aber die gibt es nun mal offensichtlich nicht überall.
    Ich selbst hatte sogar Urkunden (also keine Angst, mich der Niederlage zu stellen), habe aber trotzdem jede Minute gehasst. Sicher lag das daran, dass das Umfeld nicht wohlwollend war, aber auch daran, dass ich generell nur in wenigen Fällen gerne in Konkurrenz stehe. Denn im Leichtathletikverein stellte ich mich Wettkämpfen eine zeitlang durchaus freiwillig, aus Spaß und um mich mit mir selbst zu messen.
    Es ist auch nicht so, als würden Kinder, die nicht an den BJS teilnehmen MÜSSEN, im späteren Leben die totalen Versager. Allerdings haben die, die gezwungen wurden, wahrscheinlich eine Stück weit die Lust und den Spaß an der lebenswichtigen Bewegung verloren, die unseren Kinder vor allem als Sport und in Bezug auf Leistung und Konkurrenzdenken vermittelt wird.
    Offensichtlich ist unsere Gesellschaft noch immer sehr stark darauf ausgerichtet, zu vergleichen, Leistung zu pushen und Konkurrenz anzustacheln. Keiner vertraut darauf, dass Höchstleistungen freiwillig erbracht werden können, einfach weil Talent und Freude da ist.
    Alle Bemühungen um Inklusion laufen im Übrigen ebenfalls gegen diese Hürde an. „Wert ist nur, wer leistet“, verträgt sich schlecht mit Inklusion. Hinzu kommt, dass es mittlerweile bewiesen ist, dass das Gehirn unter Stress nicht gescheit lernt und Kinder ihre intrinsische Motivation zu lernen durch Bewertung (im Übrigen auch positive) und genau diese erzwungenen Vergleiche verlieren. Das zeigt doch, dass es weiter vor allem darum geht, Kinder abzuhärten, für die Gesellschaft wie sie ist, sie zu Leistung anzuspornen und funktionsfähig zu machen. So wie es mit all den Burn-out-Geplagten gemacht wurde. Und dann in der Lebensmitte schreien alle nach Achtsamkeit! Ein perfides System, aber ändern will dann keiner was. Schade!

    • Moin Moin,

      Ich fände es sehr schade wenn die Bundesjugendspiele abgeschafft werden würden, gerade weil ich fast durchweg positive Erfahrungen gemacht habe!

      Ich wurde in der Grundschule sehr viel gemobbt unter anderem weil ich erst mit 7 Jahren angefangen habe zu sprechen, dies hatte auch seinen Grund, ich konnte sprechen wollte aber nicht, da musste ich ich schon den ersten unfreiwilligen Test über mich ergehen lassen, quasi einen Idiotentest, zum Glück hat sich dort ergeben das ich zwar sprachlich nicht auf dem Niveau Gleichaltriger war, aber in den anderen Bereichen weiter war.

      Im Schulunterricht zog sich das weiter, ein Kind das sich nicht am Unterricht beteilligte und lieber vor sich hinträumte, glänzt nicht gerade mit guten Noten.

      Und wenn die Bundesjugendspiele kein Zwang gewesen wären, hätte ich mich dem wahrscheinlich auch entzogen und hätte mich lieber mit einem Buch in eine Ecke gesetzt, aber dort musste ich unter Wettkampfbedingungen Sport machen, das war kein packen spielen oder Gruppenkuscheln, wenn man eh schon den Kontakt zu anderen meidet.

      Dort zeigte sich das ich im laufen rder Beste in meiner Klasse war und sogar besser als die Jungs in beiden Klassen über mir, im Weitsprung war ich auch einer der besten.

      So kam ich zum Fussball und später zum Leichtathletik, Fussball habe ich in der Landesliga gespielt und dann wegen der Leichtathletik aufgehört.

      Der Sport hat mich selbsicher gemacht, hat mir beigebracht mich besser zu konzentrieren, ich habe Freunde gefunden die ich noch heute nach 24 Jahren als beste Freunde bezeichnen kann!

      Ich habe mich nie über wenn lustig gemacht, der etwas schlechter konnte als ich, warum auch?! Ich fand es doch auch nie schön, wenn andere sich über meine Frisur( die meine Mutter toll fand ) oder meine Sprachdefizite lustig machten.

      Ich konnte nur mit anderen Lachen nicht über andere!
      Bringt das den Kindern bei!!! Dann hat auch kein Kind mehr Angst vor Niederlagen!

      Die Bundesjugendspiele sind doch nicht das Problem das Kinder sich unwohl fühlen, sondern ihre Angst vor anderen!

  2. Hab ich auch so empfunden als Kind. Ich war als Grundschülerin eher unsportlich und etwas moppelig, aber das jährliche Sportfest war – wie Ausflüge oder andere Schulfeste – ein besonderes Highlight, auf das ich mich sehr gefreut habe. Da war schon auch Enttäuschung, dass es meist nicht für eine Sieger- oder gar Ehrenurkunde reichte. Aber ich war davon abgesehen eine sehr gute Schülerin und rückblickend muss ich sagen, war es auch eine wertvolle Erfahrung, nicht immer und in allen Bereichen zu den Überfliegern zu gehören. Den Aspekt vermisse ich auch bei der Diskussion: Viele Kinder, die in der Schule nicht ganz so leistungsstark waren, glänzten dafür im Sportunterricht und bei den Bundesjugendspielen. Vielleicht sind das nicht unbedingt die, die heute Meinungsführer in den sozialen Medien sind und für Blogs und Zeitungen schreiben, um von ihren positiven Erfahrungen zu berichten. Aber da mag ich mich auch zu weit aus dem Fenster lehnen.

  3. Danke für deine Mühe, GENAU meine Gedanken aufzuschreiben. Aber sowas von haargenau
    Nur „Schulleiterin“ bin ich nicht ☺️

    LG Jule, die noch nie so viele Pop-Up-Nachrichten hatte, nachdem sie den Sternartikel gestern bei FB kommentiert hatte 😉

  4. Ich habe die BJS gehasst.
    Es ging weniger um die völlig sinnfreien Sportarten die zum Wettkampf getragen wurden als vielmehr die Tatsache den gesamten Tag in einem widerlichen Stadion bei 40°C zu verbringen. (Gummi- und Rennpisten können extrem heiss werden)
    Abgesehen davon dass von FESTATMOSPHÄRE nicht die Rede sein kann.
    Wieso nicht die Schüler für Sport begeistern? wieso so ewig gestrige Sportarten?
    Ich kann mir meine Ballangst abtrainieren aber schneller zu laufen da kann ich nur bedingt etwas dran ändern!
    Wieso also die Kinder die mit Leistungsfähigeren Muskeln ausgestattet sind belohnen ??
    Jeder Sporttherapeut wird bestätigen dass man Ausdauer und Kraft trainieren kann die Kontraktion aber nur bedingt…. auch geht es nicht um eine korrekte Ausführung einer Technik sondern einfach nur darum wer am WEITESTEN WIRFT/SPRINGT oder SCHNELLSTEN LÄUFT was für ein nonsense…..
    Und wegen dem MATHEARBEIT ARGUMENT…… Mathe hat man sich damals in der Schule ne Woche vor der Klausur hingesetzt und den Mist eingepaukt dann hat es für den Leistungstest gereicht und danach hat man den meisten Sinnfreien mist eh wieder vergessen.
    Dies ist aber etwas unter dem das gesamte Schulsystem leidet.
    Ich arbeite seit dem Studium nun seit fast 10 Jahren in einer leitenden Position und nichts wirklich absolut garnichts von dem Stoff der mir bis zum Abitur vermittelt wurde hat mir etwas gebracht. Ganz vorne weg die DREI SINNLOS FÄCHER KUNST RELIGION UND SPORT…. eher bewirkten sie dass ich heutzutage riesen Bögen um diese Felder mache. Klar gehe ich Skaten und mache andere Sportarten aber die Klassischen haben mir meine Lehrer damals madig gemacht

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